Glücklich isst, wer vergisst …

Meldungen über britische Hamburger, in denen Pferdefleisch gefunden wurde, sind nur der Anfang gewesen: Zu Jahresbeginn überzog der bisher wohl größte europäische Lebensmittelskandal den ganzen Kontinent, kaum ein Land blieb verschont. Über zehn Monate später ist von der Empörung genau so wenig übrig wie vom Versprechen, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.

Die beteiligten Firmen haben den Skandal im Wesentlichen ausgesessen oder sogar ausgenützt. Der Auslieferer der meisten betroffenen Produkte – der europäische Nahrungsmittelmulti Comigel/Tavola – konnte sich schon damals mit dem Hinweis aus der Affäre ziehen, man habe die betroffenen Produkte nur weiterverkauft und seinerseits schon fixfertig vom französischen Fleischverarbeiter Spanghero erhalten, der ebenfalls im Besitz von Agrarholdings stand.

Akteure profitieren von Skandalmüdigkeit

Der Firma Spanghero wurden tatsächlich im Februar, auf dem Höhepunkt des Skandals, alle Lizenzen entzogen. Die französische Regierung benannte die Firma damals als hauptverantwortlich für den Skandal. Weit weniger öffentlichkeitswirksam erfolgte wenige Wochen später die Information, dass Spanghero fast alle Lizenzen wieder zurückbekommen habe. Spanghero seinerseits gelobte jedoch, aus der Fleischverarbeitung überhaupt auszusteigen – was aber nie geschah.

Statt des Ausstiegs aus der Fleischverarbeitung kam bei Spanghero sogar noch ein Skandal dazu: Ende März wurde dort auch falsch deklariertes Schafsfleisch gefunden, was die inzwischen abgestumpfte Öffentlichkeit aber kaum mehr zur Kenntnis nahm. Der Spanghero-Mehrheitseigentümer, die mächtige französische Agrarkooperative Lur Berri, nahm das als Chance wahr: Spanghero wurde in Konkurs geschickt, vorher aber noch technisch auf Vordermann gebracht.

Alte Bekannte und neue Namen

Der Konkurs machte die Sanierungsmaßnahmen im Nachhinein konkurrenzlos billig. Unter dem Schutz des Konkursrechts ging auch der Mitarbeiterabbau „bequem“ vonstatten. Am Ende hatte Lur Berri einen nützlichen Abschreibposten in der eigenen Bilanz und verkaufte das ganze Paket zu einem guten Preis – an Laurent Spanghero. Statt des eingeführten Familiennamens entschied er sich jedoch für Neues. Das Unternehmen heißt nun La Lauragaise.

Kunstvoll aufgebaute Firmenlandschaften

Zumindest ließen zuletzt aber die französischen Behörden in der Causa wieder von sich hören: Am 9. September, also sieben Monate nach dem Bekanntwerden des Skandals, wurden acht mutmaßliche Verantwortliche in Haft genommen, darunter Jacques Poujol, früher de facto Chef von Spanghero. Ob er belangt werden kann, ist fraglich: Offiziell war er nie mehr als nur ein „Berater“ für Spanghero, wie die französische Nachrichtenplattform Sudouest recherchierte.

Der Beraterstatus für Poujul ist bezeichnend für die kunstvoll aufgebaute Struktur aus Unternehmen, Subunternehmen, Zulieferern und Mittelsmännern in dem Skandal. Die Strukturen glichen sich, auch wenn die Beteiligten in den einzelnen Fällen jeweils andere waren: In Österreich gefundenes Pferdefleisch kam etwa unter anderem von der Liechtensteiner Firma Hilcona. Diese bezog die Ware von der deutschen Firma Vossko. Die wiederum gab ihren Lieferanten die Schuld.

Sündenbock, im eigenen Saft geschmort

Die Zentralfigur des Skandals: Der schon zuvor einschlägig vorbestrafte Niederländer Jan Fasen mit seiner niederländisch-zypriotischen Firma Draap Ltd. – Paard heißt auf Niederländisch Pferd – ist allen verfügbaren Informationen nach weiterhin auf freiem Fuß. Anzunehmen ist, dass er das tut, worin er schon einige Übung hat: eine neue Briefkastenfirma aufmachen, deren nach außen hin einzig ersichtlicher Zweck es ist, korrekt ausgewiesene Rohware mit falschen Produktbezeichnungen weiterzuverkaufen.

Mit einiger Sicherheit unschuldig sind nur die, auf die am Anfang mit dem Finger gezeigt wurde: Die Lieferanten in Rumänien und Polen, die ihre Produkte offenbar unter korrekter Bezeichnung exportiert hatten und – zum Unterschied etwa von Großbritannien – dabei auch nicht nachweisbar gesundheitsschädliches Fleisch loswurden. Bei den Konsumenten blieb die Schuldzuweisung dennoch haften. Umfragen – zuletzt etwa zur deutschen Branchenmesse Anuga – belegen, dass Verbraucher Lieferanten aus Zenral-/Osteuropa misstrauen, während sie über die „eigenen“ Vertriebsfirmen nichts kommen lassen.

Neues Gesetz als zahnlose Drohung?

Auch das heimische Lebensmittelrecht kennt als Anknüpfungspunkt nur den, der Produkte rechtswidrig „in Verkehr bringt“. Anderes wäre auch schwer denkbar, da sonst auch gutgläubige Händler büßen müssten. Die von Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) versprochene Anhebung der entsprechenden Strafen gilt seit Anfang August als Gesetz. Das Problem transeuropäischer Nahrungsmittelwege lässt sich damit freilich schwer angreifen – und der Plan der EU-Kommission für strengere Lebensmittelnormen harrt noch immer der Umsetzung.

Die Aufregung bei den Konsumenten hat sich inzwischen jedenfalls gelegt: Eine großangelegte Befragung österreichischer Konsumenten im Sommer ergab, dass Lebensmittelsicherheit für sie weniger bedeutsam ist als etwa die Sorge um Tiere in Massenhaltung. Zugleich sind es gerade die Konsumenten, die die Rahmenbedingungen für Lebensmittelskandale schaffen. Wiederum kann die Anuga als Beispiel herhalten: Geht es nach dem Trend der Messe, steigt die Nachfrage nach Fertigprodukten und „Convenience Food“ noch immer steil an.

 

Links:

Text: Lukas Zimmer, ORF.at

 

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Wir „Bios“ sind davon verschont, weil wir uns nicht von weit her angekarrten Fleischprodukten „versauen“ lassen, sondern Wurst und Fleisch von zertifizierten Biobauern und zertifizierten Metzgern beziehen.

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